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Grünveredlung

Die 1980er Jahre sind in und um Stuttgart die hohe Zeit eines schlanken Rotweins, der typischerweise gut zugänglich ist, griffige Aromen von Erdbeeren und Kirschen zeigt und über wenig Alkohol verfügt. Die Weinbauern sind weitgehend in Genossenschaften organisiert und so ist es wenig überraschend, dass die Empfehlung ergeht, den begehrten Trollinger zu pflanzen. Und es lohnt sich. Der beliebte Zechwein findet reißenden Absatz, die Menschen von hier trinken ganz selbstverständlich auch den Wein von hier.  Internationale Kreszensen sind bekannt und bei Kennern beliebt, sie haben allerdings auch ihren Preis.  Günstiger italienischer Rotwein spielt bei den hiesigen Weinliebhabern noch keine Rolle, oder einfach formuliert: Hier gibt es noch nichts zu sparen. Die Winzer haben ein gutes Auskommen, die Arbeit ist unterm Strich gut bezahlt. Und so werden 1985 auch in jenem Flurstück gegenüber des Max-Eyth-Sees Trollinger gelegt, welches ich 2017 übernehme.

Unmittelbar nach dem Kauf ersetze ich ein Viertel der Trollinger durch Cabernet Franc, aber was tun mit den restlichen, knapp 400 Stöcken? In den ersten Jahren wird daraus ein Trollinger-Rosé, der zwar gut angenommen wird, letztendlich aber im rebstoff weinbau eher Fremdkörper, als authentisches Produkt ist. Die Neubepflanzung der Steillagen ist keine ernsthafte Option, da zu aufwendig. Bleibt die Alternative der Grünveredlung.

Malbec auf Trollinger gechipt.

Sonntag, der 16. Juni 2024, ca. 12:30. Ein weißer Transporter mit französischem Nummernschild fährt vor, der Tanz beginnt!

In der Grünveredlung wird ein ruhendes Auge (wir sagen Winterauge) einer anderen Rebsorte in den Stamm der bestehenden Rebe eingebracht, man nennt das t-budding. Das neue Auge treibt dann einige Tage später aus, auf dem alten Stamm wächst eine neue Sorte. Das bei 392 Rebstöcken Profis erforderlich sind, versteht sich von selbst. Und die steigen an diesem Sonntag-Nachmittag leicht verpennt aus dem weißen Auto, strecken den Rücken durch und schauen sich um. Mein Ansprechpartner heißt Fabrizio, er ist Italiener, stammt aus Ligurien und tourt mit seinen sechs Mitarbeitern gerade durch Europa. Er untersucht meine Edelreißer sehr genau, bespricht sich mit einem seiner Männer. Die beiden wirken konzentriert und flüstern auf Spanisch – die Truppe stammt aus Argentinien und arbeit teilweise schon seit vielen Jahren für worldwidevinyards, ein französisches Unternehmen, das auf der ganzen Welt Grünveredlungen anbietet. Dann kommt das okay: „Quality ist good“ und los geht’s. Zunächst bereiten die Männer die buds vor: Jeder nimmt eine Handvoll Edelreißer und schneidet die Winteraugen aus, sorgfältig und schnell. Dann verteilt Fabrizio die Männer auf die Reben. In rund 30 Sekunden wird die Rinde des Stammes t-förmig eingeschnitten, der bud eingesetzt und das Ganze mit einem Kunststoffband fixiert. Nächste Rebe. Ich komme aus dem Staunen nicht mehr raus. Das Veredlen ist nach knapp zwei Stunden erledigt, ich besorge zum Abschluss Pizza und Bier. Dann fährt die Truppe weiter zum nächsten Kunden, der rund 1000 Reben veredlen möchte. Ich kann mein Glück kaum fassen. Vielleicht auch deshalb, da ich an diesem Sonntag noch nicht weiß, dass es in den kommenden Tagen nochmal richtig viel zu tun gibt …

Profi am Werk: Das Einfügen des buds unter die Rinde ist in 30 Sekunden erledigt.

Der richtige Zeitpunkt für eine Grünveredelung ist dann, wenn die Rebe voll im Saft steht. Das macht Sinn, weil man will, dass das Auge optimal mit Nährstoffen versorgt wird. Im Weinberg haben die Weinreben Ende Juni die Laubwand vollständig ausgebildet, die Triebe sind teilweise deutlich über zwei Meter lang. Nun soll der Saftstrom in das neue Auge umgeleitet werden, indem man sämtliche Triebe bis auf einen Saftzieher reduziert, den Stock also fast komplett abbaut. Und das ist bei 392 Reben kaum in wenigen Stunden zu erledigen. Rund 12 Tage nach dem Veredlen wird der Saftzieher dann bis auf ein halbes Blatt eingekürzt, sämtliche Energie soll ab jetzt in den neuen Trieb umgeleitet werden.

Damit ändert sich mein Weinbergprogramm Ende Juni 2024. Statt typischen Laubarbeiten, kann ich den kompletten Trollinger bis auf den Saftzieher runter schneiden. Und zwar pronto, d.h. so schnell wie möglich. Daher stehe ich abends noch für ein, zwei Stunden im Weinberg um die einjährigen Triebe auf dem Boden zu schneiden.

Nebenbei kann ich den neuen Augen beim Austrieb zuschauen. Perfekt bei den Malbec, dicht gefolgt von den Petit Verdot. Die Cabernet Sauvignon brauchen zunächst relativ lang, dann kommen sie nur sehr zögerlich ins wachsen. Zum Vegetationsende im Oktober sind die Cabernet deutlich abgeschlagen, hier sind deutlich mehr Augen nicht angewachsen oder nur kümmerlich entwickelt als bei den beiden anderen Sorten.

Geht schnell: Wenige Tage nach dem chippen treiben die Edelreißer aus.

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